Jim Morrison: When the music’s over

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Jim Morrison: When the music’s over

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Vor 50 Jahren starb mit Jim Morrison eine Ikone der klassischen Rock-Ära, die – trotz kurzer Karriere – bis heute erstaunlich tiefe Spuren hinterlassen hat. Warum eigentlich?

Das erste Mal, als ich an Jim Morrisons Grab stand, schrieben wir das Jahr 1983. Auf dem Friedhof Père Lachaise wiesen ein paar gemalte Pfeile und das Wort „Jim“ den Weg, das Grab selbst zierten Bierdosen, Zigaretten und verschwommene Liebesbriefe in Cellophan. Eine ruhige, friedliche Stimmung. Ein Friedhof eben, wenn auch ein sehr schöner. Einige Jahre später, Oliver Stones Film „The Doors“ war kurz zuvor erschienen, bot sich ein anderes Szenario: Ein Friedhofsbediensteter wies uns schon am Eingang mit der Frage „Jihm Mörrisohn?“ den Weg, er hatte offenbar zielsicher erkannt, dass wir nicht primär wegen Honoré de Balzac oder Oscar Wilde gekommen waren.

Am Grab tummelte sich eine lebensfrohe italienische Schulklasse, wobei nicht alle Pubertierenden der Ruhestätte von James Douglas Morrison mit der gebotenen Pietät begegneten. Ständig drängten weitere Touristen nach. Die könnten Eintritt verlangen, dachte ich. Zeit zum Rückzug. Zu glauben, es hätte nur an Oliver Stone gelegen, dass sich 16-jährige Teenies auf Klassenfahrt für einen toten Sänger interessierten, ist allerdings ein Trugschluss. Morrison hatte ja nicht nur einen Teil seiner Altersgenossen fasziniert, sondern eben auch einen Zuspätgeborenen wie mich, der an seinem Todestag im Sommer 1971 vermutlich im Sandkasten gebuddelt hat und nach der „Familie Feuerstein“ ins Bett musste, während in Paris die Tragödie ihren Lauf nahm. Weitere Generationen folgten eben, und selbst heute scheint es junge Menschen zu geben, die sich von ihm – und den Doors – magisch angezogen fühlen.

Picture: Los Angeles, 1968, Henry Diltz

Warum eigentlich? Nun, Jim Morrison sah ziemlich gut aus. Ein Posterboy. Aber das wäre eine extrem oberflächliche Erklärung. So oberflächlich, dass es weh tut. Zielführender: Wer die Rockmusik für sich entdeckt, egal in welchem Jahrzehnt, spürt womöglich auf Anhieb, dass diese Band anders war als der Rest. Die mäandernde Orgel, die leichte, fast jazzige Rhythmik, ein Gitarrist, der Blues und Flamenco spielte. Und natürlich diese warme Baritonstimme, die schmeicheln konnte – und brüllen. „Some are born for sweet delight“, sang sie, und weiter: „Some are born for the endless night“. Apocalypse, now! Natürlich gab es schon in der Frühzeit der Rockmusik Sänger mit eher düsteren Sujets, nur waren das entweder verkappte Spaßvögel wie Screamin’ JayHawkins, die auf der Gruselwelle surften, oder Drama-Queens wie The Shangri-Las, bei denen Tod und Verderben stets in sirupsüßem Kitsch ertränkt wurden.

Jim Morrison, der mit seiner Band ausgerechnet kurz vor dem fröhlich-unbeschwerten „Summer of Love“ aufgetaucht war, agierte wesentlich tiefgründiger, melancholischer und zu gegebener Zeit auch subversiver, unberechenbarer und gefährlicher als irgendwelche Knallchargen, die über ›Jack The Ripper‹ sangen. Erschien es ernst zu meinen, no bullshit, und das wiederum spürte im Idealfall auch das Publikum. Es war immerhin ein völlig neuer Tonfall in der noch jungen Rockmusik, konkret: die Geburt des Gothic-Rock. Darüber, ob Morrison ein großer Dichter gewesen sei, kann man sicher streiten, ein großartiger Songtexter war er auf jeden Fall. Einer, der kraftvolle Bilder und rätselhafte, ambivalente, mitunter gar bedrohliche Stimmungen transportieren konnte; der belesen genug war, um auf Homer, Arthur Rimbaud oder Irlands dionysische Prediger des Exzesses zurückgreifen zu können.

Ein mutmaßlich intellektueller Rockmusiker, was zu seinen Lebzeiten – trotz John Lennon und Bob Dylan – noch als Widerspruch in sich galt. Und heute, 50 Jahre später? Ist die Welt eine andere, Rebellen, ob im Rock, Rap oder Reggae, kamen und gingen. Dass Morrisons kompromisslos hedonistische Outlaw-Attitüde bei selbsterklärten Nonkonformisten noch immer verfangen kann, ist nicht wirklich überraschend. Einziges Problem: Es hat leider nichts Heldenhaft-Glamouröses an sich, mit 27 Jahren aufgrund selbstzerstörerischer Alkohol- und Drogenexzesse in einer Badewanne zu verrecken. Aber selbst dieser eklatante Widerspruch war dem Mythos bislang offenbar nicht abträglich.

Am 08. Juni bei Harper Design erschienen: Das fast 600 Seiten umfassende Buch „The Collected Works Of Jim Morrison”.

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