Rainbow: Der Man in Black und der Albumklassiker

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Rainbow: Der Man in Black und der Albumklassiker

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Die Mitglieder von Rainbow erinnern sich bei den Aufnahmen zu ihrem dritten Album vielleicht in erster Linie an Entlassungen, Séancen, Geister und Schreckensmomente. Dennoch gelang ihnen bei alledem eine wahrhaft großartige Platte: LONG LIVE ROCK’N’ROLL.

Mai 1978 in Großbritannien. Rock ist tot. Metal ist für Idioten. Punk hat das Steuer übernommen. Und wer irgendetwas anderes behauptet, muss erniedrigt und bestraft werden. Erst in den Seiten des „NME“, dann wo auch immer man hingeht, für den Rest seines Lebens. Sieht man sich jedoch die britischen Albumcharts vom 7. Mai 1978 an, stehen da nicht The Jam, die Stranglers oder The Clash auf Platz 1, sondern der Soundtrack zu „Saturday Night Fever“. Gleich dahinter folgt 20 GOLDEN GREATS von Nat King Cole, und daneben tummeln sich die Soundtracks zu „The Stud“ und „Pennies From Heaven“ sowie die neuesten Leckerbissen von Wings, ABBA und Johnny Mathis in den Top 10. Die einzigen Alben, die
man im weitesten Sinne als „Rock“ bezeichnen könnte – und keines der beiden ist besonders rockig –, sind AND THEN THERE WERE THREE von den kürzlich zum Trio geschrumpften Genesis sowie CITY TO CITY von der Schlaftablette namens Gerry Rafferty. Der Rest der Top 30 zeigt dasselbe Bild: ein paar Vetreter der neuen Welle – alte Hippies im Punkgewand, etwa Elvis Costello und Blondie – neben jeder Menge Billy Joel, ELO, Fleetwood Mac und Rita Coolidge. Alles schön sicher hier.

Doch in diesem trostlosen, benommenen Nebel jener Hitliste aus dem Mai 1978 findet sich ein Lichtstrahl. Neu auf Platz 7, liebe Popfreunde, sind Rainbow mit LONG LIVE ROCK’N’ROLL. Das dritte Album der Band, die der einstige Deep-Purple-Gitarrist Ritchie Blackmore und der bis dato unbekannte amerikanische Sänger Ronnie James Dio gegründet hatten, beweist, dass der Rock alles andere als tot ist, sondern sich bester Gesundheit erfreut und aus dem Exil zurückgekehrt ist.

„Ich denke, keiner von uns beachtete den Punk in irgendeiner Weise“, sagte mir Ronnie James Dio Jahre später. „Ich sah das, was wir machten, immer noch als einzigartig. Ritchie und ich bezeichneten es als ‚mittelalterlichen Blues‘.“

Doch wo der unberechenbare Blackmore seine Zusammenarbeit mit Dio ursprünglich als Upgrade der Rock-meets-Klassik-Formel von Purple in ihren Glanzzeiten betrachtet hatte, interessierte er sich drei Jahre später nun mehr für den kolossalen Erfolg von Foreigner – jener in den USA ansässigen Rockband, die um die üppigen Talente eines weiteren englischen Gitarristen herum aufgebaut war: Mick Jones.

Blackmore war der um Längen bessere Gitarrist. Jones war der um Längen bessere Hitmacher. Das Ergebnis: zwei Rainbow-Alben, die mit Lob und überragenden Verkaufszahlen in allen Ecken der Welt überhäuft wurden – außer in Amerika. In derselben Zeit waren zwei Foreigner-Werke erschienen, die in den USA Multiplatinseller wurden, sonstwo aber auf taube Ohren stießen. 10 Millionen Verkäufe allein in den Staaten und vier Riesenhits waren aber nicht von der Hand zu weisen.

„Ich denke, da waren auch eine Menge Leute bei der Plattenfirma, die Ritchie einen Floh ins Ohr setzten“, sagte Dio. „Sie drängten die Band in eine kommerziellere Richtung. Daraus entstand der Song ›Long Live Rock’n’Roll‹. Ich schrieb den Text nicht bewusst so, doch man sah definitiv ‚Hitpotenzial‘ darin, wie sie es formulierten.“ Ritchie hoffte es jedenfalls. Er hatte Ronnie gerne bei sich.

Die Geschichte von LONG LIVE ROCK’N’ROLL beginnt wie die so vieler Wendepunkte in Plattenform mit der Geschichte des Vorgängers, in diesem Fall der Zweitling RISING, der exakt zwei Jahre zuvor erschienen war. Es war das einzige Studiowerk des klassischen Rainbow-Line-ups: Blackmore und Dio, verstärkt durch Jimmy Bain (Bass), Cozy Powell (Schlagzeug) und Tony Carey (Keyboards). Fünf Jahre nach seiner Veröffentlichung wurde es in einer neuen Zeitschrift namens „Kerrang!“ zum besten Heavy-Metal-Album aller Zeiten gewählt. Und wir reden hier von richtig fucking heavy.

Die Erwartung der Fans war, dass die nächste Rainbow-Platte mindestens genauso gut sein würde, wenn nicht sogar noch besser. So gewaltig hatte RISING eingeschlagen – was noch unterstrichen wurde durch das im Sommer 1977 erschienene Live-Doppelalbum ON STAGE, aufgezeichnet in Japan gegen Ende der Welttournee zu RISING.

Die Erwartungen sorgten allerdings für keinen großen Druck, wie Blackmore mir später erklärte: „Das hatte den entgegengesetzten Effekt. Ich bin am freiesten, wenn die Erwartungen hoch sind“. Frei genug, um kurz vor Beginn der Arbeit am nächsten Album Jimmy Bain und Tony Carey zu feuern. Unilaterale Entscheidungen des Gitarristen, die nicht nur die Zukunft von Rainbow, sondern auch die gesamte Rock und Metal-Geschichte beeinflussen sollten.

„Ritchie traf diese Entscheidungen, aber sie hatten sich schon länger abgezeichnet“, erklärte Cozy Powell mir später. „Tony Carey war schon ein paar Mal rausgeflogen – er ging Ritchie schon immer auf die Nerven. Jimmy war ein Partylöwe, ein dicker Kumpel von Ronnie.“

Bains Entlassung traf Ronnie dann auch besonders schwer. Die beiden waren von außen betrachtet zwar zwei sehr verschiedene Männer – Jimmy war der Typ, der die ganze Nacht aufblieb, und zwar jede Nacht, während Ronnie sich eher mit einem Buch in sein Zimmer zurückzog. Doch die beiden hatten über ihre gemeinsame Liebe für britischen Humor und indisches Essen zueinander gefunden.

„Ich liebte Jimmy wie einen Bruder“, sagte Ronnie. „Als er bei Rainbow gefeuert wurde, fand ich das sehr kaltherzig. Es war eine Woche vor Weihnachten. Das fand ich unnötig – selbst für einen so berechnenden Menschen wie Ritchie.“

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